Edward Said: „Orientalismus“. Eine Leseerfahrung

BildDie alltäglichen medialen Hervorbringungen über den Nahen und Mittleren Osten scheinen einem Subtext zu unterliegen, der seine Grundlage in den Vorstellungen des „Orients“ findet, wie sie sich im 19. Jahrhundert in den Beschreibungen von europäischen Wissenschaftlern, Poeten und Reiseschriftstellern entwickelt haben – viel hat sich nicht geändert. Die Beschreibung politischer Strukturen und Konflikte, die gesellschaftlichen Organisationsformen, religiöser Identität, Familien- und Geschlechterverhältnisse im „orientalischen Raum“ unterliegen einem Verallgemeinerungszwang, der den orientalischen Menschen seiner Individualität entkleidet, ihn zum Typus degradiert und ihn in all seinen Lebensäußerungsformen zum unmittelbaren Antipoden des „westlichen Moderne“ macht. Der sozialpsychologische Typus des arabisch-muslimisch-orientalischen Menschen hat nach dieser Sichtweise einige unveränderbare Kennzeichen: Clan- und Großfamilienorientierung, fatalistische Grundhaltung verbunden mit leichter Erregbarkeit, Unfähigkeit zu rationaler Analyse und Handlungsstrategie, mittelalterliches Frauenbild, religiöser Obskurantismus, Prunksucht, Händlermentalität, Bestechlichkeit, mangelnde Weltläufigkeit, Kulturlosigkeit, tief verankerte Judenfeindlichkeit etc. Er wurde (und er wird) als Gegenbild konstituiert: Hier der rational handelnde, demokratisch geprägte, westlich sozialisierte Träger zivilisatorischer Werte – dort der in mittelalterlich-religiöser Mentalität gefangene Mensch aus der Wüste. Man sage nicht, diese Zuschreibungen  hätten ihre Bedeutung in den letzten 50 Jahren verloren: Das islamophobe Massenressentiment in Europa kann sich mentalitätsgeschichtlich auf die Beschreibungen der klassischen Orientalistik berufen – und bricht bei jedem neuen Konflikt im Nahen Osten oder bei der Auseinandersetzung über die Migration aus muslimisch geprägten Ländern immer wieder auf. Die schiere Existenz des orientalischen Menschen produziert Angst-Wut: Ein Millionenheer aggressiver, unzivilisierter Barbaren, die sich die „westliche Welt“ durch neokoloniale Strategien, militärische Bestrafungsaktionen -und hinsichtlich der Flüchtlingsbewegungen- durch ein barbarisches Grenzregime vom Halse schaffen will. Frappierend sind im Übrigen die bis ins Detail vergleichbaren Denk- und Gefühlsstrukturen, die das moderne islamophobe Ressentiment mit dem klassischen Antisemitismus verbindet.

Edward Said konzentriert sich in seinem 1987 erschienen Buch Orientalism auf die ideengeschichtliche Untersuchung der Entstehung des „westlichen“ Blicks auf den Orient. Der -leider 2003 verstorbene- palästinensisch-amerikanische Autor verfügte durch seine Lehr- und Forschungstätigkeit als Vergleichender Literaturwissenschaftler über das analytische Instrumentarium, um die europäische „Ideenproduktion“ des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts über den orientalischen Raum und seine Menschen zu entschlüsseln und kongenial darzustellen. In Deutschland ist Said vor allem bekannt geworden durch seine mit Daniel Barenboim gegründete Initiative des West-East-Divan-Orchestra, in dem israelische und palästinensisch-arabische Musiker seit Jahren erfolgreich den Nachweis erbringen, dass die Darbietung (klassischer) Musik die Menschen nicht spaltet, sondern zusammenbringt.

Das Buch selbst war ein -auch kontrovers diskutiertes- publizistisches Ereignis. Die klassische „orientalistische“ Wissenschaft reagierte mit Entsetzen auf die Dekonstruktion ihrer historischen Genese. Im asiatisch-arabischen Raum erhielt das Buch viel Zustimmung, im Rahmen der postcolonial studies wurde das Werk auch von Kultur- und Sprachwissenschaftlern an westlichen Universitäten als Grundlage einer neuen Wissenschaftsdisziplin anerkannt. In deutscher Sprache erschien das Buch Ende der 80er Jahre in kleiner Auflage und war schnell vergriffen – selbst in Uni-Bibliotheken findet es man es nur selten. Nun eine neue Auflage: Neu übersetzt im Fischer-Verlag. Das wurde auch Zeit.

Hier ist nicht der Platz für eine umfangreiche Würdigung. Ein paar Erkenntnisse: Die Wissenschaftsdisziplin der europäischen Orientalistik kann nur begriffen werden als Auftragsforschung im Dienste der europäischen Kolonialmächte – beginnend mit dem Kolonialabenteuer Napoleons in Ägypten, bei der die französische Armee von über 500 Sprachwissenschaftlern, Geologen, Religionswissenschaftlern, Ägyptologen, Verwaltungsspezialisten und Literaten begleitet wurde, die in großem Umfang Feldforschung über diese „terra incognita“ betrieben, um das eroberte Gebiet und seine Menschen dauerhaft beherrschen zu können. Dieser Funktion konnten sich die französischen, englischen und deutschen Orientalisten bis ins 20.Jahrhundert nicht mehr entziehen: Eine vorbereitende oder stabilisierende wissenschaftliche Grundlage für die koloniale Durchdringung des arabischen Raums zu schaffen, die Kolonialverwaltungen mit den strukturellen gesellschaftlichen Bedingungen des eroberten Gebiets vertraut zu machen, „cultural skills“ der indigenen Bevölkerung zu beobachten und den Kolonialbeamten und Militärs Peinlichkeiten im Umgang mit Würdenträgern des eroberten Landes zu ersparen. Eine wesentliche Aufgabe: Der Bevölkerung der Kolonialländer die Notwendigkeit der Kolonisierung fremder Länder und Gebiete immer wieder zu vermitteln – hier spielten die Literaten und Reiseschriftsteller eine große Rolle.

Inhaltlich kann Edward Said seinen Respekt vor der wissenschaftlichen Arbeit -vor allem der mit dem Orient befassten europäischen Sprachwissenschaftlicher- oft nicht verhehlen. Da waren Spezialisten am Werk, die die gesellschaftlichen Verhältnisse genau studierten und oftmals die Alltagsgewohnheiten der unterworfenen Menschen mit Sympathie und Anteilnahme beschrieben – es gab auch Fälle, in denen der wissenschaftliche „Feldforscher“ sich mit dem Objekt seiner Begierde so weit identifizierte, dass er zum Islam übertrat. Grundsätzlich macht Said aber deutlich, dass die gesamte orientalistische Forschungsanstrengung -auch die populärwissenschaftliche- von einer grundlegenden Prämisse gekennzeichnet war: Der Überlegenheit der europäischen Kultur gegenüber der „in Verwesung übergegangenen und erschlafften arabisch-muslimischen Welt“. Daraus folgte die Notwendigkeit einer -in gewisser Weise sexuell konnotierten- „Durchdringung“ des orientalischen Raums durch den kulturell potenten westlichen Kolonialstaat, der durch seine wissenschaftliche Potenz zudem in der Lage war, dem Orientalen überhaupt erst wieder „zum Bewusstsein seiner Selbst“ zu verhelfen. Die altägyptischen Kulturleistungen seien z.B. den in Ägypten lebenden Menschen überhaupt nicht mehr zugänglich: Hier konnte nur der europäische Altertumsforscher Abhilfe schaffen – die Verachtung der ägyptischen Fellachen ließ sich also durchaus mit der Ehrfurcht im Angesicht der Pharaonengräbern und Pyramiden verbinden.  Die Plünderung der irakischen Museen durch die siegreiche US-Armee wurde im Übrigen vom Kriegsherrn Rumsfeld vor ein paar Jahren auch damit gerechtfertigt, dass die „fucking arabs“ konstitutionell unfähig wären, sich um ihre wertvollen Kunstschätze selbst zu kümmern. Same as it ever was.

Das soll es sein: Eine Aufforderung an interessierte Menschen, ein horizonterweiterndes Buch nicht seitlich liegen zu lassen.  Manchmal geht’s zu sehr ins Detail, oft ist es spannend und am Schluss weiß man, woraus sich das Ressentiment gegenüber der arabisch-muslimischen Menschengruppe geschichtlich entwickelt hat.

Und wer in Ottensen wohnt, kauft das Buch bei Nautilus:

Edward Said, Orientalismus, Fischer-Verlag 2012,  24,90€ 

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Über rantanplan102

Rantanplan102 macht Musik. Er interessiert sich für Kultur, Literatur, die sozialen und politischen Verhältnisse und natürlich für die Musik. Er liebt die große wilde Natur. Er fühlt sich der internationalen nicht-autoritären Linken verbunden. Er ist zu erreichen unter bluebossa38@gmail.com
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