WESTEND in Hamburg-Ottensen: Ein Nicht-Ort

Blick zurück: Die Fischräucherei Friedrichs

An der Ecke Völckerstraße/ Borselstraße war sie zu finden: Ottensens größte Fischräucherei, seit 1908, Heringe, Makrelen, Aal, Lachs. Bis 2005 lebten die Anwohner der angrenzenden Straßen inmitten dieses leichten Odeurs von geräucherter Fischware -über die Jahrzehnte hatte man sich daran gewöhnt, die meisten Arbeiter der Fabrik lebten in den umliegenden Straßen. Für viele zugezogene ausländische Familien (vor allem griechische und türkische Migranten) bot die Räucherei in den 70er und 80er Jahren erste -schlecht bezahlte- Arbeitsmöglichkeit, der Frauenanteil in der Belegschaft war groß, die Arbeit eintönig und schwer (Kehlen, Säubern ,Filetieren und Einsalzen der Fische).

Die Arbeiter der umliegenden Handwerks- und Industriebetriebe profitierten von den nahen Fischräuchereien – hier gab es für wenig Geld „Bückelbruch“ – eine Tüte fetter geräucherter Heringsstücke für 50 Pfennig in Zeitungspapier verpackt – das angesagte „Ottenser Frühstück“: Rundstück, Bückel, Kaffee, Bier. Beim „Friedrich“ holten sich die Arbeiter der Zeise-Fabrik ihren geräucherten Hering. Das Foto zeigt die Frühstückspause auf der Zeise-Wiese in den 50er Jahren:

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(Fotoarchiv Altonaer Museum)

Einige –inzwischen pensionierte- Lehrer mögen sich erinnern: Die schöne türkische Familientradition,  den Lehrern ihrer Kinder kurz vor den Zeugniskonferenzen Geschenke zu überreichen, führte in Ottensen dazu, dass häufig ein Kistchen Räucherfisch im Angebot war.

2003 kam dann das Ende, die letzte große Fischräucherei in Ottensen gab auf.  Die Gründe: Hohe Emissionsschutzauflagen, keine Erweiterungsmöglichkeiten, An- und Zulieferungsprobleme, veraltete Produktionsanlagen. FRIEDRICHS zog nach Allermöhe auf die freie Wiese, die ArbeiterInnen wurden zum größten Teil entlassen, ein großes Areal mit unansehnlichen industriellen Zweckbauten stand mitten in Ottensen zum Verkauf.

Die bezirkliche Bauplanung sah die Chance, den Aufhübschungsprozess in Ottensen, der bisher am Quartier um die Völckerstraße/Borselstraße/Planckstraße im Wesentlichen vorbeigegangen war, zu forcieren. Nachdem ein Investor die Zusage gegeben hatte, in einem großen Büro/Wohnkomplex u.a. bis zu 30 Mietwohnungen zu bauen, war die Entscheidung schnell gefallen: Das Gelände wurde an den Immobilieninvestor Christian Peters verkauft, der sich hier ein persönliches architektonisches Denkmal schaffen wollte.

Schnell war abgerissen und über 3 Jahre wurde auf Ottensens größter Baustelle gearbeitet. Der Räucherfisch-Geruch hielt sich in den ersten Jahren hartnäckig über den Dächern des Quartiers -es soll noch heute sensible Leute geben, die an heißen Sommertagen in der Borselstraße ihre Nase schnuppernd in den Wind hängen: „Hier stinkt’s doch irgendwie immer noch nach nach Fisch…“

Die Baustelle 2005:

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2007: Das UFO ist gelandet: Mitten im Quartier

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WESTEND: Edel, teuer, tot

a) Werbepoesie

Nach der Fertigstellung 2007 mussten etwa 10.000 qm Bürofläche, 5 Lofts und etwa 30 Wohnungen vermietet und verkauft werden. Der Werbeprospekt ergeht sich in blumigen Beschreibungen: „Im Herzen des lebendigen Ottensen…Wohnen repräsentativ in historisch stilvollen Fassaden…höchstes Niveau…im Charme der Gründerzeit…Insgesamt fügt sich Bauwerk harmonisch in den charaktervollen Stadtteil ein…außergewöhnlich exklusive  Bäder mit Flatscreen…Brunnen, Bocciabahn und Arkaden laden zum Verweilen ein…Hier finden Sie ihre persönliche „Work-Life-Balance“…Nur 5 Minuten bis zum quirligen Zentrum Ottensens…“

Nun, architektonisch macht das Ensemble was her – hier durften sich die vom Neoklassizismus beeinflussten Architekten austoben – in einem Baustil, der an das piekfeine Westlondoner Westend mit seinen Townhouses erinnert und den alten Gründerzeitbauten huldigt. Solches findet man noch da und dort in Winterhude oder in Eppendorf. Jedenfalls hätte der Chefkritiker der architektonischen Moderne, der Prince of Wales, seine Freude gehabt an Arkadenbögen, verspielten Erkern, einem großzügigen Atrium mit plätscherndem Brunnen, gerundeten Mauervorsprüngen und für die Ewigkeit gebauten Sitzgelegenheiten im Innenhof. Wenig großflächiges Glas, keine Stahlkonstruktion – hier wurde gemauert und dann geweißt – die überall dominierende weiße Farbe hat allerdings inzwischen schon einen leicht schmuddeligen Grauton angenommen. Überhaupt machen vor allem die Applikationen an den Gebäudeteilen, die das „neoklassizistische“ Dekor schaffen sollen, einen billigen, fast angeklebten Eindruck – man denkt unwillkürlich an die „Pseudo“-Fassaden großer Hotels in der Türkei, die sich bei näherem Hinschauen als angeleimte Gipsformen erweisen. Aber wie gesagt: Auf den ersten Blick ein ansprechendes Ensemble. So sieht’s u.a. auf der Website des WESTEND aus:

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b) Der Kritiker flaniert

Ein Dienstag, leidlich sommerlich, früher nachmittag. Der Kritiker nimmt zunächst einmal  Platz auf einer der wohl lange Zeit nicht mehr benutzten vermoosten Bank in der Nähe des Brunnens. Er guckt, lauscht, wartet, fotografiert, schließt die Augen. Nichts. Kein Geräusch. Keine Menschen. Der Platz ist leer. Er wird sich auch später nicht füllen. Durch die Fenster sieht er Menschen vor ihren Rechnern sitzen. Ein AsiaImbissAuto bringt Essen zum Finanzoptimierer Truscon. Viele Portionen – das wird wohl ein Arbeitsessen sein. Eine blonde junge Frau im Business-Suit läuft schnell quer über den Platz und verschwindet im Eingang von Klitschko-Management. Das Klacken ihrer Pumps dröhnt über den Platz – es signalisiert ungeduldige Eile, Unnahbarkeit, Verpanzerung und pures Elend. Plötzlich schreit ein Kind aus dem geöffneten Fenster eines Lofts:“Maaaaama, Maaaama….“ immer wieder, ohne Unterbrechung. Der Schrei füllt den ganzen leeren Platz aus wie in einer Echokammer – das Kind wird leiser, verstummt. Es wird sich allein helfen müssen, es ist allein. Der Platz ist leer, der Brunnen sprudelt, hier ist man verloren.Der Flaneur sucht und findet den Kinderspielplatz – in einer zugigen Ecke, gleich neben dem Finanzoptimierer. Kein Kind spielt, der kleine Platz wirkt unbenutzt, ein Sandkasten, zwei kleine Klettergerüste, eine Rutsche aus Plastik. Wie bei McDonalds. Ein Hausarbeiter kommt, fordert zum Verschwinden auf, weil privates Gelände und antwortet auf die Frage, wo denn die spielenden Kinder sind, dass die woanders spielen. Im Übrigen gäb’s hier nicht so viele Kinder. Der Flaneur verlässt den Spielplatz und fotografiert:

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Dieser „Spielplatz“ ist ein Fake

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Kein Mensch -nirgends

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……lädt zum Verweilen ein…

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Hier findet man offensichtlich seine „Work-Life-Balance“

c) Gewerblicher Bereich

WESTEND rühmt sich seiner „exclusiven“ Gewerbemieter und tatsächlich hat sich hier eine Klientel versammelt, die -zumindest in der Vergangenheit-erfolgreiche Markt-Platzhirsche waren.  SinnerSchrader, einer der Großen im digitalen Werbegeschäft, hat hier sein Hauptquartier und belegt mehrere Etagen. Der Finanzoptimierer Truscon sitzt exklusiv im „Turm“ des Ensembles und leistet sich eine ausladende Empfangslounge. (Es handelt sich hier wesentlich um eine Versicherungsmakleragentur, die auf Basis von Vorab- und Vermittlungsprovisionen arbeitet. Hat unterirdische Bewertungen bei Verbraucherportalen: „Kloppertruppe im Maßanzug“).  Klitschko-Management vermarktet auf einer Etage unsere Boxriesen, kleinere Finanzdienstleister, Werbeagenturen, Unternehmensberater vervollständigen das Ensemble. Eine Anwaltsassoziation wirbt damit,  jederzeit „für den Menschen“ da zu sein. Eine Zahnarztpraxis kümmert sich in tatsächlich exklusivem Ambiente wohl vorwiegend um Privatpatienten.

Also nix für die unzähligen „Medien-Nerds“ in Ottensen, die sich der kreativen Klasse zugehörig fühlen, ihre Macs im REH oder im KNUTH jeden morgen projektmäßig aufklappen und schon froh sein können, wenn sie auf dem wöchentlichen Werbeflyer von REWE das Schweinehack-Sonderangebot (2,30€ à 500g) mit Photoshop rot-glänzend einfärben dürfen. Hier dagegen soll richtig Geld verdient werden.

Trotzdem: Im WESTEND gibt es viel Leerstand – vor allem auf den unteren Etagen. Auf Immobilienportalen im Internet wird nach Neumietern gesucht. Die Preise? Schlecht zu eruieren, die qm-Preise scheinen zunächst nicht exorbitant hoch – etwa 16-20 € brutto für Einheiten über 150qm.  Aber halt: Im Internet-Angebot eines 350qm-Ensembles schreibt die Vermittlungsagentur BNP Paribas Real Estate GmbH wörtlich: „Die vorgenannten Mietpreise verstehen sich als „Ab-Mietpreise“ . Hmmm.  Heißt wohl: Der Besitzer einer Ware (Gewerbe-Mietraum) nennt öffentlich einen Preis für die Ware und behält sich gleichzeitig eine nicht näher definierte Erhöhung dieses Preises im Verlauf einer vertraglichen Verhandlung vor. So ähnlich muss es wohl zu den Kostenerhöhungen beim Bau der Elbphilharmonie auch zugegangen sein. Fazit: Die realen Mietpreise sind für Außenstehende kaum zu beziffern.

d) Mietwohnungen

Neben den exklusiven Lofts (Eigentum) sollen ca. 30 Mietwohnungen existieren – bei erster Betrachtung sind im „Wohnblock“ nur 16 Wohnungen mit Klingelschildern ausgewiesen – die restlichen Wohnungen müssen sich wohl irgendwo anders verstecken. Die Wohnungen wurden mit „hochwertiger“ Grundeinrichtung in Küche und Bad angeboten.  (Der oben schon erwähnte Flatscreen im Bad gehört zur Standardausstattung: Im „Nassbereich“ scheint er wohl das Distinktionsmerkmal einer bestimmten sozialen Klasse zu sein. Fernsehen aufm Klo dient offensichtlich dem Hausherr bei der morgendlichen Rasur dazu, sich im Bad schon mal die ersten Screenshots der Aktienkurse bei Bloomberg reinzuziehen).  Beworben werden die Wohnungen u.a. mit dem Privileg der „absoluten Privatheit“. Sie sind so gebaut, dass ein Einblick in die Wohnungen nur von Büroräumen aus möglich ist: „So können Sie sich abends und am Wochende in absoluter Privatheit in Ihren Wohnräumen wohlfühlen.“

Die Preise: Exorbitant. Eine der weniger attraktiven Wohnungen (Erdgeschoss) wird bei Immonet angeboten: Großzügige 4 1/2 Zimmer-Wohnung, incl. NK , Heizung , Tiefgaragenplatz – excl. Wasser/Strom –  kann zum Schnäppchenpreis von 4004,oo € angemietet werden. Kaution: 8250,00€.  Da kommt sogar der neue gut verdienende Ottenser Mittelstand allmählich ins Schwitzen. Aber vielleicht sind solche Wohnungen ja auch nur für den Executive Sales Manager des Finanzdienstleisters von nebenan vorgesehen: Der wird sich das leisten können.

e) Die Nachbarschaft

Das Quartier hat seinen Charakter im Wesentlichen erhalten – es zeichnet sich durch eine Mischung von Altbau-, Genossenschafts- und Sozialwohnungen aus; mag sein, dass der Gentrifizierungsprozess hier auch deshalb nicht zu so großen sozialen Umschichtungen geführt hat, weil diese Straßenzüge zu weit vom „hippen Ottensen“ entfernt waren – man wohnt dort ja fast schon in Bahrenfeld. Der Autor dieser kleinen Betrachtung hat sich umgehört unter Anwohnern des Quartiers und mit ein paar Freunden, die in anliegenden Straßen wohnen, gesprochen. Das WESTEND? Verblüffendes Ergebnis: Fast keiner der Angesprochenen hat seit der Errichtung des Ensembles im Jahr 2007 je den Innenraum dieses Gebäudes betreten – entweder wird es souverän ignoriert oder man äußert ein unbestimmtes Unbehagen über die abweisende, fast festungsartige Architektur des Komplexes. Dass in dem Gebäude Menschen WOHNEN, war den meisten nicht bewusst -Kontakt zu den Bewohnern hatte niemand der Angesprochenen. Ein Passant machte auf den gefängnisartigen Charakter der Aussenfassaden aufmerksam – und tatsächlich: die massiven überdimensionierten „Absturzsicherungsgitter“ vor jedem Fenster verstärken den ausschließenden Charakter des Ensembles.

Hier existiert eine „gated community“, die gar keine gates braucht – die Architektur selbst lässt die äußere Welt nicht hinein. Dass in der Werbepoesie der Betreiber von einer „harmonischen Einfügung in den charaktervollen Stadtteil“ die Rede ist, ist ein einziger Witz. Hier wurde vor knapp 10 Jahren vom immer nach Anlage suchenden Immobilienkapital die Gelegenheit genutzt, eine Freifläche in einem einigermaßen funktionierenden Wohnquartier zu einem festungsartig angelegten Ghetto für reiche Zombies zu machen (so ein Anwohner).

Insofern unterscheidet sich die Implementierung des WESTENDS im Nordwesten Ottensens von normalen Gentrifizierungsprozessen, die oft fließend,  relativ langsam die Bevölkerunsstruktur verändern. Niemand wurde hier vertrieben – wenn man von den durch den Wegzug der durch die Schließung der Fischräucherei arbeitslos gewordenen migrantischen Familien einmal absieht. Aber es war eine brutale Landnahme, die Aufrichtung eines Feldzeichens des geld-vermögenden Teils dieser Gesellschaft mitten in einem ziemlich gewöhnlichen, unattraktiven Wohngebiet. „Wir sind da“ sagt das steinerne Monument, „ihr werdet euch an unsere großen schwarzen AUDIs gewöhnen müssen.

f) Gleich nebenan: THE BOX

„Recreation Spots“ gibt es im WESTEND nicht – keine Cafés, keine Lounges, keine Restaurants – noch nicht mal eine Muckibude. Der flanierende Beobachter entdeckt eine Gruppe junger im schwarzen City-Anzug gekleideter Männer, die den WESTEND-Komplex verlassen und zielstrebig ein Etablissement namens THE BOX in den „Borselhöfen“ ansteuern – übrigens: dem Immobilienhai Christian Peters (WESTEND) gehört auch dieses Gebäude. Der Beobachter beschließt, diesem so genannten Concept Store einen Besuch abzustatten. Die jung-dynamischen Herren haben sich an der Bar niedergelassen und ordern Cognac. Ihr Outfit macht sie fast ununterscheidbar – alle tragen diese hässlichen schwarzen, spitz zulaufenden „City-Shoes“, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die männlichen Geld-Zombies unserer Tage alle mit Schuhgröße 50 auf die Welt gekommen sind…

THE BOX ist dunkel, verwinkelt, zugestellt –  die verschiedenen Departments bieten dem Besucher Gelegenheit, sich mit edlen Küchenutensilien, Vintage Furniture, Kunstbüchern, Gemälden und lustigen Gadgets für Reiche auszustatten. Ein aufgearbeitetes englisch-grünes unbequemes Sofa steht für 14.500 € zum Verkauf – der Kunsthandel bietet Originale an: Der Beobachter entdeckt u.a. eine Gelegenheitsgrafik von George Grosz („Der Held“, 1936) für 17.000€. (Hier wird’s merkwürdig: Die Grafik entspricht dem Stil George Grosz‘ Anfang der 20er Jahre: Wilhelminische Hackfressen, verstümmelte Opfer des 1. Weltkriegs etc… 1936, im amerikanischen Exil hatte sich Grosz längst der harmlosen Landschafts-Öl-Malerei zugewandt. Eine kleine Recherche im Internet führt zu keinem Ergebnis – das „Werk“ taucht auch in den Werkverzeichnissen nicht auf.  Hmmmm.  Auf jeden Fall: Das gute Stück ist inzwischen verkauft, dem Besitzer viel Freude!)

Gebrauchswerte lustige Gadgets für Reiche gibt’s hier auch: Der ultimative Diebstahlschutz für Porsche, BMW und AUDI: Eine transparente aufklebbare Folie mit applizierten Rostflecken. Damit ausgestattet wird jeder polnische Autoüberführer seine Finger vom teuren Automobil lassen. Bestimmt.

Kleines Fazit eines Stadtteilspaziergangs

Natürlich: Exklusive Reichenviertel gibt’s in Hamburg eine Menge: Die alten Kaufmannsoasen (Blankenese, Othmarschen, Walddörfer…), die innerstädtischen Quartiere mit viel wilhelminischer Bausubstanz (Rotherbaum, Eppendorf …), die Quartiere der NEUEN Reichen (Hafencity, IBA-Ensemble…).  Das WESTEND-ENSEMBLE ist etwas anderes. Hier wurde in einem sozial gemischten Viertel ein erratischer Block deponiert, der der reinen Kapitalakkumulation einen repräsentativen Platz gibt: Architektonisch feindlich abgegrenzt vom Umfeld, unübersehbar in seiner massiven Präsenz, lebensfeindlich in seiner inneren Struktur. als soziales architektonisches Ensemble: tot. Ein paar soziale Agenten der Geldmacherei müssen in diesem Gebäudekomplex sogar wohnen.

Man fragt sich verblüfft, wie eine kommunale Bauleitplanung diese Katastrophe zulassen konnte – der Verkauf an den Investor ging ja innerhalb kurzer Zeit über die Bühne – wahrscheinlich gaben sich die befassten Baudezernenten mit der Zusage zum Bau einiger Mietwohnungen zufrieden. Was hätte aus diesem Freigelände alles gemacht werden können…Sozialer Wohnungsbau, ein Park, ein großer attraktiver Spielplatz für die Kinder im Quartier, Einzelhandel, Freilichtbühne, Kleingewerbehof…..

Tja, manchmal wünscht man sich die „OHM-BANDE“ zurück. Das war eine multikulturelle jugendliche Straßengang rund um die Ohmstraße, der Schrecken aller Lehrer der umliegenden Schulen, die den Stadtteil mit ihren TAGS verschönert hatte. Ihre favorisierten Tätigkeiten: Graffiti-Art, Breakdance, Rap, Klauen bei Penny, wilde Feten im angrenzenden Kleingartengelände, Schulschwänzen. Die Gang gibt’s nicht mehr – aber vielleicht wächst ja was nach: Jugendliche, die Spaß daran haben, sich ihre eigenen Plätze zu erobern, die weiße Wände bunt sprayen, die skaten, wo’s verboten ist, die Musik in die tote Stille bringen: Der WESTEND-Innenhof wäre ein idealer Platz für solche Aktivitäten. Und im Sommer könnte man im Brunnen baden.

(Wie im November 2014 von den Bewohnern dieses Ensembles die Bausubstanz und -qualität ihrer Wohnung nach mehrjährigem „Gebrauch“ eingeschätzt wird, zeigt der Beitrag auf dem Blog   http://www.schimmelimwestendottensen.wordpress.com  . Enjoy!)

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Über rantanplan102

Rantanplan102 macht Musik. Er interessiert sich für Kultur, Literatur, die sozialen und politischen Verhältnisse und natürlich für die Musik. Er liebt die große wilde Natur. Er fühlt sich der internationalen nicht-autoritären Linken verbunden. Er ist zu erreichen unter bluebossa38@gmail.com
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15 Antworten zu WESTEND in Hamburg-Ottensen: Ein Nicht-Ort

  1. Gisela Dettmann schreibt:

    danke, klasse, sehr schön geschrieben, gut getroffen, das Ende – herrlich.. Da ich ja in Bahrenfeld wohne, komme ich da öfters ratlos vorbei und denke mir auch so das eine oder andere Mal: was soll das Ufo dort ? Ich werde es gleich weitersenden, gerne.
    Liebe Grüße
    Gisela

  2. Gonzo schreibt:

    Ne kleine Zusatzinfo: Die Büroflächen im Westend sind gegenwärtig nur zur Hälfte vermietet – Leerstand mitten in Ottensen. So toll scheint das Geschäftsmodell also doch nicht zu funktionieren.
    Ansonsten: Guter Artikel – aber er kommt ein paar Jahre zu spät.

  3. JimmyHoffa schreibt:

    ah ja, mäßig interessant! ich wohne in dem bau und fühle mich sauwohl. ruhig, entspannte nachbarn, zentrale lage, durchdachte wohnungen…ich denke, der herr flaneur hat etwas zu viel zeit um diese pseudo-intellektuellen ergüsse zu verzapfen. szene bla-bla halt, klassisch.

    • rantanplan102 schreibt:

      Schön, dass sich mal jemand meldet, der im WESTEND wohnen muss. Schön, dass er sich da wohlfühlt: Ruhig ist’s (kein Kindergeschrei), die Nachbarn sind entspannt (blickdichte Wohnungsanordnung), zentrale Lage (sitzt wohl auch am Wochenende nachts mit ner Bierbuddel aufm Alma-Wartenberg-Platz mit all den Elmshorner und Pinneberger Spacken und fühlt sich ungeheuer szenig), durchdachte Wohnungen (u.a. TV im Bad). Fehlt nur noch, dass er den Mietpreis für sein Etablissement „überraschend moderat“ nennt. Aber mal im Ernst: Schade, dass ihm zum Inhalt der kleinen Betrachtung nix einfällt. Eins hat mich geärgert: Er wirft dem Flaneur vor, wohl über zuviel Zeit für „pseudointektuelle Ergüsse“ zu verfügen. Also: Der Flaneur hat viel Zeit – und wenn er keine hat, nimmt er sie sich – um absichtslos zu schlendern, seine Umwelt in Augenschein zu nehmen, nachzudenken, seinem Lieblingscafè einen Besuch abzustatten, mit fremden Leuten ins Gespräch zu kommen…das ist eine Lebensart, die den Zeitgenossen, deren wesentlicher Lebenssinn darin besteht, in einem 14-stündigen Arbeitstag aus Geld mehr Geld zu machen, wahrscheinlich unbegreiflich erscheint. Schade eigentlich.

      • fabr schreibt:

        Gottchen…Leben und leben lassen, und bitte auch die „Elmshorner und Pinneberger Spacken“. Provinz ist kein Ort sondern ein Zustand, anzutreffen auch mitten in HH.

      • rantanplan102 schreibt:

        Keine Angst: Niemand will den Bewohnern des Westend ans Leben. Und was die provinziellen „Elmshorner und Pinneberger Spacken“ betrifft, die ihre exzessiven Ballermann-Bedürfnisse massenhaft an den Wochenenden zwischen März und November auf dem Ottenser Alma-Wartenberg-Platz ausleben: Ihre Sauf-,Gröl- und Kotzorgien seien ihnen gegönnt – ich versteh nur nicht, warum die Typen sich nicht für ihre Bedürfnisbefriedigung die zahlreichen Feuerwehr- und Schützenfeste im Hamburger Umland, den Hafengeburtstag oder das Alstervergnügen aussuchen. Diese Art von Provinzialismus übelster Art muss sich doch nicht ausgerechnet auf einem -eigentlich ganz schönen- Ottenser Platz an jedem Wochenende materialisieren…. Oder?

      • Dieter schreibt:

        Ich hatte eher den Eindruck, dass der Kommentator gern im Westend wohnt, warum das mit Worten wie „muss“ und Bezügen auf einerseits „Spacken am Alma-Wartenberg-Platz und andererseits vielarbeitende gut verdienende Menschen abgewertet wird. Klingt mir doch auch ein wenig nach Neid.

  4. Sonja schreibt:

    Mein Hund wollte mal in dem Brunnen baden. Ging nicht, er ist knapp unter der Wasseroberfläche vergittert.

    • Dieter schreibt:

      Dem Hund kann geholfen werden, gleich um die Ecke im kleineren Hof ist ein zweiter Brunnen ohne Becken. Ist zwar mehr duschen als baden, aber auch erfrischend. Das Wasser kommt direkt aus dem Boden und wird in einer Auffangrinne wieder gesammelt.

      Das Gitter im großen Brunnen soll verhindern, dass kleine Kinder ertrinken. Möchte nicht lesen müssen, was dann über das Wertend geschrieben würde.Außerdem führt es offensichtlich auch dazu, dass Kinder und Hunde nicht im selben Brunnen baden, was mir recht gut gefällt.

  5. Hein Fartmann schreibt:

    Do not enter – Betreten verboten – Eltern haften für ihre Kinder … irgendwo in den Straßen Ottensens ging mein Herz verloren …

    • Dieter schreibt:

      Aber nicht im Westen, hier gibt es zwei große Zugänge, jedenfalls groß genug für die Feuerwehr, da passen auch mutige Menschen durch. Neben den Kindern aus dem Quartier spielen auch viele Kinder aus der Umgebung im autofreien Hof, im und am Brunnen, fahren ihre Runden mit dem Tretroller oder Rollerblades um die Gebäude und fühlen sich offensichtlich recht wohl, sonst würden sie nicht wiederkommen. Natürlich kann man als Beweis des Gegenteils auch Bilder aus einem verregneten Sommer nehmen, in den Ferien, und am frühen Nachmittag, das ist logischerweise die ruhigste Zeit.

  6. h.kunze schreibt:

    wieder so ein Neider, der flaniert und schwadroniert und glaubt, sein fischgetränktes Lebensgefühl aus verrotteter Ottensener Vergangenheit herbeiwünscht. Gott sei Dank haben junge Leute diesen Stadtteil endlich mit der kulturellen Vielfalt so attraktiv gemacht, wo Leben und Leben lassen eine Selbstverständlichkeit ist. Das Westend gehört dazu. So wie all die vielschichtigen Menschen einer offenen Weltstadt, die stolz auf die Entwicklung ihres hh Stadtteils sind. Das war bekanntlich einmal anders.

    • rantanplan102 schreibt:

      OK, die Gentrifizierungsgewinner in Altona melden sich zu Wort, meist allerdings in ziemlich pöbelhafter Form. Dabei geht’s ihnen gar nicht so sehr um die im Artikel geschilderten Beobachtungen rund ums WESTEND, dazu haben sie -leider- wenig zu sagen. „Leben und Leben lassen“ scheint ihnen wichtig zu sein – als ob irgendjemand den Yuppies und Dinks nach dem Leben trachtet. Die jungen Leute und die kulturelle Vielfalt: Die gibt es in Altona zweifellos, vielleicht sogar mehr als vor 20 Jahren – aber sie gerät im Stadtteil immer mehr unter Zwänge der Vermarktungsbedingungen des Immobilienkapitals. Früher war alles besser? Nicht alles, aber einiges. Ein paar Beispiele: Für aufstrebende lokale Musikgruppen, Schülerbands etc. gibt es praktisch keine Auftrittsmöglichkeiten mehr – der Veranstaltungssaal unseres allerliebsten Stadtteilzentrums MOTTE (ca. 180 qm), in dem früher Theater- und Musikgruppen fast umsonst auftreten konnten, wird inzwischen nur noch ab 700€ plus Technikzuschlag vermietet. Die Friedenskirche Altona (inzwischen als „Kulturkirche“ von einer GmbH&Co.KG vermarktet), wird an einem gewöhnlichen Freitagabend für 3272,60 € plus Flügel (60 €/ Std.), Technik (28 €/Std),Reinigung (500 €) zur Verfügung gestellt. Kein Wunder, dass sich dort nur noch staatlich finanzierte Großensembles oder Versicherungskonzerne, die es für ihre Mitarbeiter mal so richtig krachen lassen wollen, wohlfühlen. Übungsräume, Ateliers, bezahlbare kleine Auftrittsgelegenheiten…absolute Mangelware – kein Wunder bei den Mietpreisen in Ottensen, wo selbst dreckige Wohnklos von 35qm unter 600 € incl. nicht mehr zu finden sind. Die junge, kreative künstlerische Szene wandert tendenziell ab – oft schafft sie sich neue Arbeits- und Produktionsplätze im Bahrenfelder Industriegebiet – dem widerspricht übrigens nicht, dass die Szene weiterhin die Ottenser Cafes und Bars bevölkert. Aber es ist halt ein Disneyland hier inzwischen – eine Shoppinglandschaft mit hochpreisigen Boutiquen und einer in Hamburg einmaligen Massierung von „Szenebars“, Müttercafes und angesagten Restaurants. Wohnen in Ottensen? Die Arnoldstraße mit ihren Gründerzeithäusern war mal ein WG-Paradies für junge Leute – inzwischen sind 80% der großzügigen Ensembles Eigentumswohnungen, bewohnt meist von kinderlosen Doppelverdienern. STOLZ auf diese Entwicklung des Stadtteils können eigentlich nur Leute sein, die von dieser Entwicklung unmittelbar finanziell profitieren. Einem Kritiker dieser Entwicklung puren Neid zu unterstellen, kann wohl nur Leuten einfallen, die die Lebensqualität eines Stadtteils am Immobilienpreisindex der Wirtschaftswoche festmachen.

  7. Martin schreibt:

    Keine Sorge, das Ding fällt eh bald auseinander 😉 Sieht nur hochwertig aus – Schein und Wirklichkeit.
    http://www.schimmel-im-westend-ottensen.de

  8. Pingback: Westend Ottensen für 48 Mio. Euro verkauft -

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