Dieter Klein: Das Morgen tanzt im Heute, Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus

(Eine Buchbesprechung von Hannes)

VSA –Verlag Hamburg 2013, 216 S.,  16,80 €. Auch als kostenloser Download im Internet (Creative Commons License): http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/www.vsa-verlag.de-Klein-Das-Morgen-tanzt-im-heute.pdf

 

Kritik am Kapitalismus ist heute in aller Munde, von Autonomen bis zum FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. In manchen Umfragen lehnen sogar Mehrheiten der deutschen Bevölkerung die kapitalistische Wirtschaftsweise ab. Andererseits: Was stattdessen? Und wie setzen wir das durch? Seit dem desaströsen Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme in den Jahren 1989 und folgende besteht unter Linken eine auffallende Zurückhaltung in der Frage alternativer gesellschaftlicher Perspektiven.  Wie aber soll es jemals einen Ausweg geben aus den bestehenden Verhältnissen ohne Vision von etwas Besserem?

In meinem letzten Urlaub habe ich ein Buch gelesen, das eben nicht bei der Negation der herrschenden Ordnung stehen bleibt, sondern ernsthaft nach Auswegen sucht.  Der Autor Dieter Klein, Jahrgang 1930, war Professor für Volkswirtschaft an der Berliner Humboldt-Uni und lange Jahre Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Doch sein Buch ist alles andere als ein „Partei-Buch“. Klein richtet sich an Alle, die an einer solidarischen, gerechten Gesellschaft interessiert sind, und er geht auch mit dem eigenen Verein kritisch ins Gericht.

Er setzt sich auseinander mit der These des französischen Philosophen Lyotard vom „Ende der großen Erzählungen“ – große Erzählungen wie etwa die Bibel, das Kommunistische Manifest oder die Schriften der Aufklärung, Texte also, die geeignet sind,  Menschen zu bewegen und gesellschaftliche Umwälzungen in Gang zu bringen . Klein fragt, wie eine neue „linke Erzählung“ aussehen könnte, die Menschen mobilisiert für tiefgreifende Veränderungsprozesse. Er beschreibt fünf verschiedene Szenarien, wie sich unsere heutige Gesellschaft fortentwickeln könnte – zum Besseren oder zum Schlechteren. Die Überwindung des Kapitalismus hält er für eine keineswegs historisch zwingende, aber doch realistische Möglichkeit. Umsetzbar allerdings nur über eine Verbindung von Regierungshandeln und sozialen Massenbewegungen (Klein verweist auf die Regierung Allende und die damaligen Volksbewegungen in Chile). „Radikale Realpolitik“ nennt Klein diese Perspektive. Sozialismus – ein „libertärer, grüner, demokratischer Sozialismus“, der radikal bricht mit staatssozialistischen Konzepten –  ist für ihn kein Gesellschaftszustand, sondern ein langwieriger, tiefgreifender Prozess.  Anders als die meisten radikalen Linken erkennt er Elemente einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft bereits in der bestehenden, etwa im sozialen oder kulturellen Bereich. Gewaltsamen Veränderungsstrategien erteilt er eine Absage, den Staat sieht er nicht ausschließlich als Agenten des Kapitals. Das Sozialismus nur möglich ist, wenn der Veränderungsprozess von der Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, steht für ihn außer Frage. An einem allerdings lässt Klein keinen Zweifel: Wo Veränderungen gegen Kapitalinteressen durchgesetzt werden müssen, wird Regierungshandeln allein dies nicht bewirken können, egal wer die Regierung stellt. Ohne massiven Druck von unten wird sich nichts bewegen. Anders als Sozialdemokraten oder Grüne sucht Klein nicht das Arrangement mit dem Kapital. Die Transformation muss für ihn eine doppelte sein – zunächst innerhalb des Kapitalismus, dann über ihn hinaus.  Klein verweist auf Roosevelts New-Deal-Politik und auf die skandinavischen Gesellschaften der 50er bis 70er Jahre des letzten Jahrhunderts als (so nicht wiederholbare) Beispiele eines vergleichsweise sozial verträglichen Kapitalismus. Anders als die Sozialdemokratie bleibt er hier aber nicht stehen, sucht weiter nach Wegen einer Überwindung der Herrschaftsverhältnisse durch ein gesellschaftliches  „Mitte-Unten-Bündnis“ (statt des sozialdemokratischen „Mitte-Oben-Bündnisses“).

Kleins Buch ist gut verständlich geschrieben, faktenreich und poetisch, realistisch und mit Mut zum Träumen, jugendfrisch und altersweise. Er zitiert Marx, Rosa Luxemburg und immer wieder Ernst Bloch, „Das Prinzip Hoffnung“, und er entwickelt deren Gedanken weiter. Ausführlich setzt er sich auseinander mit Fragen der Ökologie, der Grenzen des Wachstums und der Geschlechterpolitik. Als Metapher dient Klein das Bild des Tänzers Nurejew, der als Kind vor verletzten sowjetischen Soldaten tanzt. Die lachen ihn zunächst aus, bis sie dann sein Talent erkennen, das enorme schlummernde Potential, und Hoffnung schöpfen. „Das Morgen tanzt im Heute“.

Noch Fragen? Jede Menge, und so soll es auch sein. Z.B.: Wie soll jemals eine größere Umverteilung auf demokratischem Weg möglich sein, wenn schon minimale grüne Steuererhöhungspläne von den Wählern abgelehnt werden? Oder: Läuft Kleins Perspektive nicht auf eine Wiederauflage der alten Bebel-Politik – radikale Rhetorik, reformistische Praxis – hinaus, die schließlich bei Schröder und Steinbrück endete (oder gar, wie bei den Grünen, schon nach 20 Jahren im Opportunismus versackte)? Aber was dann? Haben die Autonomen vielleicht bessere Perspektiven für eine Überwindung des „Scheiß-Systems“? Oder sollen wir bei der Mischung aus Protest und Resignation stehen bleiben?

Mir hat Kleins Buch Mut und Hoffnung vermittelt. Wer noch nicht resigniert und sich mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen abgefunden hat, dem sei es ans Herz gelegt.

Hannes

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Über rantanplan102

Rantanplan102 macht Musik. Er interessiert sich für Kultur, Literatur, die sozialen und politischen Verhältnisse und natürlich für die Musik. Er liebt die große wilde Natur. Er fühlt sich der internationalen nicht-autoritären Linken verbunden. Er ist zu erreichen unter bluebossa38@gmail.com
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