Hamburg-Ottensen, Bülowstraße: Wohnungsbau für Millionäre (incl. Update Mai 2015)

Hamburg baut mehr neue Wohnungen. Sagt die Bausenatorin. Die SAGA/GWG baut Sozialwohnungen, Baugenossenschaften bauen Genossenschaftswohnungen – vor allem aber boomt der Wohnungsbau durch private Bauträger und „Immobilienentwickler“: Hier geht es wesentlich um zu verkaufende Eigentumswohnungen und –wenige- hochpreisige Mietwohnungen.

In der Bülowstraße im westlichen Ottensen wird auch gebaut – ausschließlich durch private Bauunternehmen. Die Bülowstraße: Eine kurze, wenig attraktive Stichstraße, angrenzend an den hier 5-spurigen Autobahnzubringer (Hohenzollernring) mit zwei älteren neoklassizistischen Wohngebäuden und einem kleinen Ensemble von Nachkriegs-Backsteingebäuden mit etwa 25 kleineren Wohneinheiten – begrenzt wird das Ganze von der Einfahrt zum Kinderkrankenhaus, einem alten Hochbunker, dem Gymnasium Altona und dem Frontgebäude der alten Frauenklinik.

Anlässlich eines Artikels in der MOPO, in dem über die „Umwidmung“ des Hochbunkers am Ende der Straße berichtet wird, macht sich der Stadtteil-Flaneur mal wieder auf den Weg: Er besichtigt den Baufortschritt beim „Bunker„, entdeckt das Projekt F.R.I.D.A., redet mit Anwohnern und Bauarbeitern, fotografiert und recherchiert im Internet. Und  entdeckt Erstaunliches….

Eine Wohnung wird verkauft… 

DSCI0021

Bülowstraße 2

Verkaufsanzeige auf ImmobilienScout:

Bülowstraße 2, großzügige Altbauwohnung, renoviert, Pitchpine, edle Badarmaturen. 4qm-Balkon, Zugang durch den Keller zum (ziemlich unattraktiven) Hinterhof. Das Gebäude selbst: Ein wenig ungepflegt, schmutzig-gelber Außenanstrich, Treppenhausbeleuchtung kaputt, der Lift war am Tage des Hausbesuchs nicht in Betrieb – 30 m Luftlinie zum vielbefahrenen Autobahnzubringer – Balkon auf Grund der Lärmbelästigung kaum benutzbar. Eine gewöhnliche Altbauwohnung also, in der vor 20 Jahren wohl eine typische Hamburger Familie  mit 2-3 Kindern und mittlerem Einkommen zur Miete gewohnt hat.

Diese „ruhige, attraktive“ Wohnung in einem Haus, das in der Anzeige als „äußerst gepflegt und in sehr gutem Zustand“ bezeichnet wird, wird vom Besitzer Michael Quentel angeboten. Ausweislich der im Internet aufrufbaren Informationen handelt es sich hier um einen Menschen, der sein Geld als „Finanzoptimierer“ verdient und als Liebhaber exquisiter Weine firmiert – er verlangt für dieses Wohnobjekt im „quirligen Ottensen“ den Schnäppchenpreis von 820.000,00 €. Für alle Rentner unter den Lesern: Das sind 1.640.000 Deutschmark. Man kann es sich wohl so denken: Vor 15 Jahren hat er die Wohnung für schätzungsweise 250.000 € gekauft – jetzt will er Kasse machen.

Nun gut, denkt sich der Flaneur: Für diesen unverschämten Preis wird der Spekulant die Wohnung wohl nicht los – seit Monaten wird die Bude auf verschiedenen Immobilienportalen wie Sauerbier angeboten – das Preis/Leistungsverhältnis scheint selbst für Ottenser Verhältnisse relativ unausgeglichen. Allerdings: Ein Bewohner der Bülowstraße erzählt, dass von den etwa 30 Wohneinheiten in dieser Straße wohl nur noch 2-3 Wohnungen vermietet sind-alles andere ist inzwischen „Eigentum“.

Der Flaneur wendet sich nun – bei schönstem Frühlingswetter- den Neubauprojekten zu.

Wortschöpfungsfantasien des Immobilienkapitals

Dem aufmerksamen Betrachter von privaten Immobilien-Verkaufsprospekten und Werbetafeln vor den Bauprojekten fällt eine sprachliche Neuschöpfung auf, die sich inzwischen fast vollständig durchgesetzt hat: Es soll in den Objekten nicht mehr gewohnt werden. Stattdessen wird residiert. War bisher der Begriff der Residenz beschränkt auf alte Adelssitze und mehr oder weniger ansprechende Altenheime („Residenz Waldfrieden“ direkt neben dem Friedhof), so kommt der private Wohnungsbau ohne diesen Begriff inzwischen nicht mehr aus. Auch das Suffix „Höfe“ erfreut sich großer Beliebtheit – hier soll halt residiert und Hof gehalten werden. Da wimmelt es von Elbresidenzen, FettenHöfen, Westend-Residenzen, Bahrenfelder Höfen etc. Selbst die Engbebauung direkt an der Autobahn schmückt sich mit dem Begriff der „Othmarscher Höfe“ und suggeriert damit ein luxuriöses Wohnambiente, was der realen Wohnsituation in keinem Fall entsprechen wird. Auch unsere beiden Wohnprojekte („Bunker“ und F.R.I.D.A) in der Bülowstraße kommen ohne diese Begrifflichkeiten nicht aus – es ist halt Werbelyrik, die den verzweifeltenVersuch macht, gewöhnliche Wohnungen sprachlich aufzuwerten – es gibt ein paar Internet-Dienstleister, die bei der Begriffsschöpfung neuer Bauprojekte behilflich sind und ihren Kunden suggerieren, durch die „richtige“ sprachliche Bewerbung von Bauvorhaben ein Surplus von 10% auf den Verkaufspreis realisieren zu können. Der Flaneur hat da so seine Zweifel – auch der Discounter LIDL ist mit seinem Versuch gescheitert, durch die begriffliche Aufwertung einiger seiner Lebensmittelprodukte als „DELUXE“-Marke Preiserhöhungen durchzusetzen.

Der „Bunker“

Der kleine Hochbunker am Ende der Bülowstraße wurde 1939 als potentieller Schutzraum für Mitarbeiter und Patientinnen der Frauenklinik Altona erbaut – nach dem Krieg wurde er als Lager- und Archivraum zunächst weiter von der Klinik benutzt – bis in die 90er Jahre waren Lüftungs- und Heizungsanlage funktionsfähig. Das mit bunter Graffiti verschönerte Gebäude wurde 2002 unter Denkmalschutz gestellt und kurz danach an den Immobilienentwickler Haminvest verkauft: Zum Zwecke der Umwandlung in ein Bürogebäude. „Doch der boomende Wohnungsmarkt in Ottensen ließ den Investor umdenken“ schreibt die MOPO.  Mit hohem Aufwand wird das Gebäude inzwischen entkernt und die 8o cm dicken Außenmauern auf breiter Front durchbrochen, um „lichtdurchflutete“ Appartementwohnungen zu schaffen: pro Stockwerk eine à 128 qm. Gekrönt wird die Sache durch ein Loft, das für 2,300.000,00 € verkauft werden soll. Die Preise für die Appartements: Die völlig verschattete Erdgeschosswohnung  für 650.000,00 € (ein „Schnäppchen!“),  aufsteigend pro Stockwerk um 50.000,00 € bis ca. 870.000,00 € – hinzu kommt der TG-Stellplatz für 18.000,00 € und eine saftige Maklercourtage. Ein Highlight gibt’s auf jeden Fall für jedes Appartement: Eine freistehende Badewanne im „großzügigen Nassbereich“ die den Bewohnern eine „unvergleichliche Sicht über die Dächer Ottensens“ verspricht.

Ein paar Ansichten:

Bunker nach Fertigstellung

Wenn’s fertig ist

Die Badewanne im Bunker

Die Badewanne

2014-03-06 15.29.27

Hier wird gebaut

Das Projekt F.R.I.D.A. (Feines Residieren Im Denkmalgeschützten Altona)

Hier-mit der Hausnummer Bülowstraße 9- hat eine Wohnungsbaurealisierungsgesellschaft unter Beteiligung von HochTief das alte, denkmalgeschützte Frauenkrankenhaus Altona in den Verwertungsblick genommen. 23 exklusive Eigentumswohnungen sollen im alten Hauptgebäude und in den Flügelgebäuden realisiert werden. Zurzeit wird wild gebaut, entkernt, Fenster vergrößert – der Investor hat Großes vor: „Der Standort verbindet das junge, vitale Ottensen mit der Exklusivität Othmarschens“. „Entzückende 121qm“ treffen auf „großzügige EnSuite-Bäder“ in einem „ruhig-grünen Ambiente“.

Die Fassade des alten Gebäudes wird man wohl nach Fertigstellung gerade noch wiedererkennen können – obwohl durch die Fenstervergrößerungen die  besondere Backsteinstruktur des Gebäudes ihren spezifischen Charakter verliert – im Inneren wird radikal entkernt. Das Eingangsportal wird „repräsentativ“ erweitert – der Innenhof bleibt wie er ist –ziemlich verschattet. Eventuell werden die neuen Bewohner des Gebäudes bei näherer Untersuchung der verwinkelten Kellerräume des Gebäudes die –verlorengegangene- umfangreiche Sammlung von abgetriebenen Kinderföten wiederentdecken – beim Auszug der Frauenklinik wurde diese Sammlung als „abgängig“ gemeldet.

Die Verkaufspreise der Appartements sind für den Flaneur inzwischen keine Überraschung mehr. Die Preisliste fängt bei 731.000,00 € an (EG, „Gartenwohnung“, 120qm), steigt exponentiell Stockwerk um Stockwerk und endet bei einer 183qm-Wohnung im Obergeschoss für 1.277.000,00 €.

Ein Polier macht Mittagspause auf den Treppenstufen…Auf die Frage, ob er persönlich gern in diesem Gebäude wohnen würde, wird nur kurz und zynisch gelacht. Er wohnt in Tornesch mit seiner Familie im Reihenendhaus und zahlt  seit 15 Jahren die Hypotheken ab.

Auch hier ein paar Ansichten:

Vor der Sanierung

Vor der Sanierung

Image: So soll's aussehen

Image: So soll’s aussehen

Werbetafel

Werbetafel

Denkmalschutz als Steuersparmodell

„Verbinden Sie das Angenehme mit dem Nützlichen – nehmen Sie die Sonderabschreibungsmöglichkeiten des Denkmalschutzes in Anspruch.“ So werben beide Bauprojekte um ihre solventen potentiellen Kunden. Tatsächlich: Beide Gebäude stehen seit geraumer Zeit unter Denkmalschutz – auch die Umwidmung und bauliche Totalveränderung hat nicht dazu geführt, dass dieser Schutz aufgehoben wurde. Im Fall des „Bunkers“ ist das besonders absurd: Hier ist praktisch – bis auf die Außenmaße- nichts mehr vom ursprünglich geschützten Objekt erkennbar.

Ein befragter Steuerberater schätzt  die Steuereinsparmöglichkeiten in einem solchen Fall –bei optimaler Steuerverkürzungsberatung- auf 12-15% des Nettokaufpreises – der Hamburger Steuerzahler ist also schätzungsweise mit 5-7 Mio. € bei der Ansiedlung von millionenschweren Neubürgern in der Bülowstraße behilflich.  Einfach toll!

Werbelyrik versus Reality: Eine dringende Warnung!

Die Situation in Bülowstraße steht exemplarisch für eine Menge privater Neubauprojekte in Altona – vor allem was die Preisgestaltung betrifft. Die Werbelyrik der Immobilienverwerter versucht alles, um den Standort Ottensen für Vermögensmillionäre attraktiv zu machen – sie ist hier und da recht erfolgreich.

Im Fall des Standorts Bülowstraße muss allerdings eine Warnung an potentielle Käufer ruhig und gelassen ausgesprochen werden: Hier stimmt so gut wie gar nix! Ein paar Beispiele:

Im Verkaufsprospekt beider Projekte wird die Situation in einem Radius von 1 km um die Objekte beschrieben:

3 Grundschulen Bei großzügigster Entfernungsmessung ist es eine GS am Trenknerweg. Mutti wird also notgedrungen ihren Landrover Defender morgens aus der Tiefgarage holen müssen.

1 Realschule  Wer braucht schon eine Realschule? Abgesehen davon hat die alte Realschule am Othmarscher Kirchenweg im letzten Sommer endgültig geschlossen.

3 Kitas  Nein, es ist nur eine! Die liegt zwar fußläufig um die Ecke, aber mitten an der lärmumtobten Kreuzung Behringstraße/Hohenzollernring mit wenig Außengelände. Ist nix für solvente Familien, die ihre Kinder wirklich lieben.  Mutti wird also schon wieder den Landrover Defender aus der Tiefgarage holen müssen.

1 Gymnasium Richtig, das Gymnasium Altona liegt gleich nebenan in Hör- und Sichtweite. Bei den alten Ottensern ist es beliebt, engagierte Lehrer und aufgeweckte Schüler. Für die neu zugezogenen solventen Akademikereltern hat es allerdings einen Systemfehler: Viel zu viele Schüler mit orientalischem oder afrikanischen Migrationshintergrund – da leidet das Niveau, da könnten unerwünschte Sozialkontakte entstehen. Da wird sicher auch gekifft. Die Familien in Ottensen, die über 150.000 € p.a. verdienen, melden ihre Kinder prinzipiell am Gymnasium Othmarschen/Hochrad an:  Da stimmt die soziale Homogenität. Entfernung:  über 2 km. Mutti wird also schon wieder….

Tennisplätze  Stimmt, eine Anlage an der Bernadottestraße. Hat seit Jahren Aufnahmestopp.

Internationale Schule  Das könnte was sein für karrierebewusste Eltern. Zusammen mit europäischen und US-amerikanischen Schülern in kleinen Klassen mit englischer Unterrichtssprache sich zielgerichtet auf das zukünftige BWL-Studium an einer privaten School of Economics vorbereiten…da ist das happige Schulgeld gut investiert. Nur, leider…. Die Schule gibt’s seit etwa 8 Jahren nicht mehr – stattdessen ist dort die ELBSCHULE eingezogen, eine Schule für hörgeschädigte Kinder. Und diese Schule wiederum könnte durchaus für einige Kinder perspektivisch eine Notwendigkeit werden, denn wir kommen jetzt zur Lärmbelästigung:

Ruhige Lage  Übergehen wir mal das Grundrauschen des Autobahnzubringers. Es bleibt das lebhafte Treiben der Schüler des Gymnasiums Altona; inzwischen eine Ganztagsschule, die die Wohnanlage F.R.I.D.A von zwei Seiten umschließt. Direkt gegenüber dem F.R.I.D.A.-Eingangsportal liegt die Schulmensa – diese Mensa und der kleine vorgelagerte Platz dient bis 16.00 Uhr vielen Schülern als allgemeiner Versammlungsort und erinnert akustisch häufig an ein vollbesetztes Schwimmbad an einem heißen Sommertag. Also: Fenster zu!

Die  geruhsame Nachtruhe allerdings wird durch eine Lärmquelle gestört, deren Existenz bei der Wohnungsbesichtigung häufig überhört wird: Die beiden Bauprojekte liegen mitten auf der akustischen Fluchtlinie zwischen zwei Krankenhäusern: Dem Kinderkrankenhaus Bleickenallee und dem großen Klinikum Altona. Krankenhausverkehr in der Nacht heißt in unserem Fall, dass die Feuerwehrfahrzeuge an der Kreuzung Bleickenallee/Hohenzollernring (aus gutem Grund) ihr stärkstes Signal anstellen – das passiert nachts etwa alle 15-20 Minuten. Alles etwa 150 Meter von F.R.I.D.A. entfernt. Von Familien im umliegenden Wohnbereich wird berichtet, dass die schlafenden Kinder bei geöffnetem Fenster oftmals schreiend im Bett stehen, wenn die Blaulichtsirene sie wieder einmal aus dem Schlaf reißt. Also bitte erst mal probeschlafen und nachts: Immer Fenster zu!

Vergessen wir auch nicht den Hubschrauberlandeplatz des Kinderkrankenhauses in etwa 100 m Luftlinie von beiden Neubauprojekten – eine hübsche akustische Unterbrechung der Abendunterhaltung auf den Balkons von F.R.I.D.A. und dem „BUNKER“ ist auf jeden Fall gewährleistet. Die freistehenden, lichtdurchfluteten Bäder des „Bunker-Projekts“ sind im Übrigen von den Hubschrauberpiloten bei ihrem Anflug auf den Landeplatz genau im Blickfeld -hoffentlich fühlen sich dort die Damen und Herren  in ihrem Intimbereich ausreichend geschützt…

…zum Supermarkt ist’s auch nicht weit. Hier verzichtet die Werbelyrik mit gutem Grund auf nähere Entfernungsangaben – im 1-Km-Umkreis ist kein Supermarkt zu finden. Der nächste Supermarkt ist PENNY in der Friedensallee (zu Fuß 12-15 Min.) – im Eingangsbereich des Ladens kann man regelmäßig freundschaftliche  Beziehungen zu einer Gruppe Ottenser Bürger aufbauen, die dort damit beschäftigt sind, größere Mengen Alkoholika zu vernichten: Keine Angst, die Leute sind ihrer Umwelt friedlich zugewandt. Die Bio-Märkte in Ottensen selbst sind 2-3 Km entfernt – hier nutzt auch Muttis Landrover Defender nichts: es gibt definitiv keine Parkplätze. Hilft nur das Fahrrad – aber auch hier sollte man bedenken, dass –laut Statistik der Polizeibehörden- Ottensen zu einem Hotspot für den Diebstahl hochwertiger Drahtesel geworden ist. Und dieser Diebstahl findet  oftmals tagsüber in aller Öffentlichkeit statt. Das Altonaer Wochenblatt berichtete vor einigen Wochen von einem Fall, wo eine junge Frau  mitten im „quirligen Ottensen“ von einem Fahrraddieb von ihrem Rad gestoßen wurde: Frau verletzt, teures Fahrrad weg. Unglaublich!

Zusammenfassend gesagt, verliert der Residenzstandort Bülowstraße zwischen quirligem Ottensen und exklusiver Othmarscher Eleganz bei näherer Betrachtung viel von seinem Reiz. Die millionenschweren Kaufinteressenten sollten sich die Sache gründlich überlegen: Eine vollkommen überteuerte Immobilie („Ottensen-Aufschlag“ – mindestens 25% !) – oder doch ein schnuckeliges Einfamilienhaus mit 800qm Grund in…na, sagen wir Duvenstedt. Dazu müsste zwar das Familienbudget noch ein wenig höher in Anspruch genommen werden – man residiert aber letztendlich da, wo man hingehört. Nette solvente Nachbarn, der Landrover Defender ist Standard, keine Neider ringsum, herrliche Ruhe, das Gymnasium hat einen guten Ruf, die Kindergärten haben einen Hol- und Bringdienst und das exklusive Beauty-Center in Poppenbüttel ist auch nicht weit. Und mindesten 3 Golf- und Tennisplätze in allernächster Nähe.

Eine solche Lebensentscheidung wäre für uns im Übrigen mit einem  – entscheidenden- Vorteil verbunden: Man könnte in Ottensen der fragilen Hoffnung nachhängen, dass der hippe Sozialtypus des gestählten „Finanzoptimierers“  im Straßenbild unseres Stadtteils weiterhin nur zu einer verachtenswerten kleinen Minderheit gehören würde.

UPDATE Mai 2015

Inzwischen ist seit dem Erscheinen des Blogbeitrags über ein Jahr vergangen – der Verfasser dieses Artikels hatte seine Zweifel, ob die Preisgestaltung dieser „Eigentumswohnungen im Luxussegment“ überhaupt genügend Kaufinteressenten anziehen würde – inzwischen redet selbst die Immobilienwirtschaft in Hamburg von einer „Überhitzung des Markts“ bei hochpreisigen Investments in First-Class-Wohnimmobilien. Der Flaneur hat sich noch einmal umgeschaut in der Bülowstraße, hier das Ergebnis:

Das Bauprojekt FRIDA im alten Frauenkrankenhaus ist seit einigen Monaten bis auf die Außenarbeiten fertiggestellt – die ersten Käufer sind eingezogen. Ausweislich der belegten Klingelschilder sind etwa 40% der angebotenen Wohnungen bewohnt. Bei einem abendlichen Spaziergang musste jedoch festgestellt werden, dass nur in 3 von etwa 20 Wohnungen die Beleuchtung eingeschaltet war…vielleicht ein kleiner Hinweis auf das übliche Vorgehen der Immobilienvermarkter, den potentiellen Käufern die allgemeine Begehrtheit ihrer Ware durch kleine Tricks zu suggerieren. Fazit: Die Vermarkter haben mit dem Verkauf der Wohnungen einige Schwierigkeiten, bei Immonet werden sie seit 2 Jahren wie Sauerbier angeboten.

Anders sieht’s beim BUNKER gegenüber aus: Hier scheint eine prachtvolle Investitonsruine zu entstehen. Bezugsfertig sollten die Wohnungen zuerst im Herbst 2014, dann im Frühjahr 2015 sein. Das Ergebnis einer erstaunlichen Begehung:

Die Baustelle ist nicht mehr gesichert, ein Zugang zum Gebäude ist für jedermann möglich, im Inneren finden offensichtlich keine wesentlichen Arbeiten mehr statt – die Arbeiten sind über eine grobe Rohbauinstallation nicht hinausgekommen. Jedes Stockwerk hat größere Wasserschäden, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass die mit großem Aufwand herausgebrochenen Fensteröffnungen noch nicht mal provisorisch abgedeckt wurden: es regnet überall hinein. Allgemeiner Bauzustand: Gerümpel, kaputtes Arbeitswerkzeug, die großen Betonsägeblätter liegen verrostet in den Ecken herum. Im Erdgeschoss herrscht das pralle Leben: Ratten huschen im Zwielicht herum, sie fühlen sich hier offensichtlich wohl. Bei einer weiteren Begehung trifft der Flaneur auf einen einsamen Maler, der auf dem Gerüst mit Fassadenausbesserungen beschäftigt ist – die Frage, ob hier überhaupt noch weiter gearbeitet wird, wird mit Schulterzucken beantwortet: „Es gibt gewaltige Schwierigkeiten“. Fazit: Hier wird wohl nicht mehr residiert werden können – auf den Wahnsinnsblick über Ottensen/Othmarschen aus den freistehenden Badewannen „en suite“ muss verzichtet werden. Übrigens: HAMINVEST, der Bauträger, wollte auf telefonische Anfragen über den Fortgang der Bauarbeiten keine Auskunft geben.  So wird er uns also erhalten bleiben: ein kleiner, inzwischen verschandelter Bunker, ein Monument der Kriegsarchitektur, ein nutzloser hässlicher Klotz.

Advertisements

Über rantanplan102

Rantanplan102 macht Musik. Er interessiert sich für Kultur, Literatur, die sozialen und politischen Verhältnisse und natürlich für die Musik. Er liebt die große wilde Natur. Er fühlt sich der internationalen nicht-autoritären Linken verbunden. Er ist zu erreichen unter bluebossa38@gmail.com
Kurzmitteilung | Dieser Beitrag wurde unter Hamburg-Ottensen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Hamburg-Ottensen, Bülowstraße: Wohnungsbau für Millionäre (incl. Update Mai 2015)

  1. Jan D. schreibt:

    Übrigens Mutti ist ganz traurig:
    Ihr Landi Defender passt nicht in die Tiefgarage und muss vor dem Haus parken 😦

  2. Theo Jasper schreibt:

    Grandissimo!!!Weiter so!!!

  3. Extreme Bob schreibt:

    Der Beitrag ist ja schon etwas älter, aber einige ungenauigkeiten wollen dann doch korrigiert werden:

    1. Wieso ist die Kita gegenüber der Kreuzkirche die einzige im Umkreis von einem Kilometer? Spontan fallen mir die Kitas in der Behringstraße Ecke Grünebergstraße (Elbkinder) und Am Born 6a (Mottenkiste) ein. Und dann sind da noch ein paar Kinderläden (OKW, Behringstraße, Lisztstraße etc).

    2. Neben dem Tennisplatz an der Bernadottestraße gibt es noch die Alage am OKW.

  4. Lars schreibt:

    …die Geschäfte scheinen für Jost Hofmann / HAMINVEST gut zu laufen: Air Hamburg (auch Jost Hofmann) hat schon wieder ein neues Flugzeug…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s