Erinnerung an einen radikalen Menschenfreund – Zum Tod von Walter Mossmann

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(von Hannes)

Walter Mossmann,  der Liedermacher, Sänger, Filmemacher und Aktivist aus Südbaden ist tot. Vor fast 20 Jahren schon hatte der Krebs ihm die Stimme weggefressen, nun hat er ihn ganz erwischt. Ich lernte Mossmann  Anfang 1976 kennen, ich war damals 21. Er hat mich politisch bis heute geprägt.

Auf einer Veranstaltung der Freiburger Jusos war Mossmann als Referent eingeladen, um vom Kampf der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gegen das Atomkraftwerk Wyhl  zu berichten. Ebenso begeistert wie kritisch und differenziert zeichneten Walter und seine damalige Freundin und Mitstreiterin Freia Hoffmann ein lebendiges Bild der Bewegung am Kaiserstuhl mit all ihren Widersprüchen. Diese war überwiegend von der bäuerlichen Landbevölkerung getragen, städtische Linke waren deutlich in der Minderheit. Emanzipatorische Ideen standen neben stockkonservativem Gedankengut. Am Ende der Veranstaltung zog Gernot Erler, damals Jusochef in Freiburg, sein Fazit: Die Jusos müssten ihre atomkritische Haltung in der Partei voranbringen, durch alle Ebenen, dann werde man eines Tages auch Matthöfer erreichen (der trieb damals als Bundesforschungsminister das Atomprogramm der Schmidt-Regierung voran). „Och nö“, dachte ich mir, „das ist nicht mein Ding“. Was Walter erzählt hatte, klang interessanter. Ich sprach ihn nach der Veranstaltung an und ging dann in die KKW-Nein-Gruppe, eine kleine Gruppe von vielleicht zehn undogmatischen Freiburger Linken in Freiburg, Walter war einer davon. Das Politikverständnis der Gruppe wurde mir so erklärt: „Wir machen mit am Kaiserstuhl, bringen unsere Ideen ein, gucken, was zusammen möglich ist. Und wenn es gut läuft, dann haben nachher die Leute sich verändert, und wir auch.“  Eine Haltung, die meilenweit entfernt war von der „Wir-wissen-wo‘s-längsgeht“-Attitüde anderer Linker.

Walter Mossmann war in Wyhl nur einer von vielen Aktivisten, die den Widerstand organisierten. Aber er hatte eine zentrale Rolle, wenn es darum ging, die richtigen Worte zu finden. Er konnte die Leute emotional und argumentativ erreichen, das Wesentliche in einfachen Worten auf den Punkt bringen, nicht nur in Liedern, sondern auch in Reden und Texten. In Marckolsheim, auf der französischen Rheinseite, gegenüber von Wyhl, war damals ein Bleiwerk geplant. Badener und Elsässer wehrten sich gemeinsam. An der Formulierung der „Erklärung der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen“  1974 war Walter maßgeblich beteiligt: ….weil wir nicht abwarten können bis die Katastrophe da ist … weil wir nicht abwarten können, bis diese Illusionen explodieren … weil wir nicht dulden können, dass unser Recht derart missachtet wird … Deshalb haben wir beschlossen, die vorgesehenen Bauplätze für das Atomkraftwerk Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim gemeinsam zu besetzen, sobald dort mit dem Bau begonnen wird.“  Das war „radikal“, klang aber anders als die gängigen linken Phrasen. Mossmanns Vorbild bei dieser Erklärung war Brechts Text „In Erwägung“ aus dessen Stück „Die Tage der Kommune“. Als die Bauplätze tatsächlich besetzt wurden, war Mossmanns Lied von der „Anderen Wacht am Rhein“ der große Hit. Nach der Melodie von Pete Seegers „Which Side are You On“ hieß es: „Auf welcher Seite stehst du, he? Hier wird ein Platz besetzt. Hier schützen wir uns vor dem Dreck, nicht morgen, sondern jetzt!“

Walter Mossmann wurde von allen akzeptiert, von Linken bis zu Konservativen. Weil er offen und neugierig war, weil er zuhörte und weil er die Menschen mochte, auch wenn sie ganz anders tickten als er. Ihn begeisterte die Selbstorganisation der Menschen, die ihre Angelegenheiten in die Hand nahmen und sich gemeinsam wehrten – nicht nur in Wyhl, nicht nur in der Antiatombewegung. In seinem Lied „Poder Popular“ beschreibt er diese Selbstorganisation am Beispiel Chiles zur Zeit Allendes:

„Die Arbeiter vereint nehmen die Fabrik,

die Bauern das Land, das ihrer Arbeit Früchte trägt,

das Haus für die drin wohnen, und die Macht

verteilt, damit sie keinen mächtig macht.

Der Mensch ein Mensch, kein Herr und kein Knecht,

die Arbeit keine Ware, und Frau und Mann lebendig

und befreit, das ist ein Traum und der wird wahr

in Chile und Deutschland – PODER POPULAR.“

 

„Realistisch sein – das Unmögliche verlangen“ – so lautet der Titel von Mossmanns Autobiografie, nach einer schönen Parole aus dem Pariser Mai 1968. Mossmann wusste, dass der Traum vom Paradies ein Märchen ist, dass wir ihn aber brauchen, um überhaupt in Bewegung zu kommen und etwas zu verändern. Dem ist er treu geblieben, auch in späteren Jahren.

Als Widerstandsform mochte er besonders den aktiven, fantasievollen und gewaltfreien Widerstand, der freilich auch Sabotage einschloss:

„Wann explodiert im DWK-Büroein Wespennest?

Wann kommt bei Nach abhanden, was nicht niet- und nagelfest

auf der Baustelle rumliegt – alles schon mal dagewest,

mit Witzen fängt die Sabotage an.“

(Aus dem „Lied vom Lebensvogel“, geschrieben für den Gorlebener Widerstand)

1986 war ich in Hamburg in der BI Ottensen aktiv. Nach der Katastrophe von Tschernobyl war die Anti-AKW-Bewegung wieder aufgewacht.  Überall im Land sägten Menschen Strommasten um, in wenigen Wochen mehr als hundert. Wir sägten nicht, aber sympathisch fanden wir das schon. Wir machten ein Lied mit dem Titel „Susi Säge“, nach der Melodie von „Mackie Messer“. Susi war eine ältere Hausfrau, die nachts loszog und Strommasten fällte. Bei einer Podiumsdiskussion in der Fabrik, an der auch Walter Mossmann teilnahm, trugen wir unser Lied vor. Wir bekamen viel Beifall, aber auch Kritik, wegen der Gefahren solcher Anschläge. Walter meinte nur: „Man muss halt aufpassen.“  Mehr sagte er dazu nicht.

Walter Mossmann war kein Pazifist, dazu war er viel zu undogmatisch. „Hör die Gespenster schreien ‚Hoch lebe Franco!‘ Ach, der ist nicht geflogen wie Carrero Blanco!“ sang er. Carrero Blanco war der Stellvertreter des spanischen Diktators Franco. Die ETA hatte ihn 1973 mit seinem Auto in Luft gejagt, zur Freude nicht nur der spanischen Linken.

Die Mordserie der RAF 1977 war Mossmann trotzdem zuwider, und auch der quasi militärisch organisierte Versuch einer Bauplatzbesetzung in Grohnde war nicht sein Ding.

Was hinterlässt uns Walter Mossmann? Eine Sprache ganz sicher, die geeignet ist, Menschen zu erreichen und in Bewegung zu setzen, statt sie vor den Kopf zu stoßen. Vor allem aber eine lebensfrohe und menschenfreundliche Radikalität. Walter Mossmann war nicht nur Sänger, Filmemacher, Aktivist usw. Er liebte Menschen, Natur und Kaiserstühler Wein, das pralle Leben.

Ich bin traurig, dass er nicht mehr da ist.

Hannes, 5.6.15

Links:

Nachruf der Badischen Zeitung:

http://www.badische-zeitung.de/walter-mossmann-abschied-von-einem-widerstandskaempfer–print

Lied vom Lebensvogel:

Lied für meine radikalen Freunde:

https://www.youtube.com/watch?v=q8CvTGv2vKI

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Über rantanplan102

Rantanplan102 macht Musik. Er interessiert sich für Kultur, Literatur, die sozialen und politischen Verhältnisse und natürlich für die Musik. Er liebt die große wilde Natur. Er fühlt sich der internationalen nicht-autoritären Linken verbunden. Er ist zu erreichen unter bluebossa38@gmail.com
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